Liebe Gemeinde,

Hier gibt es nur zwei Jahreszeiten: Winter und harten Winter.

So habe ich (scherzhaft!?) bei meiner Begrüßung in Schöneck gehört. Doch wenn ich genau hinschaue, entdecke ich unter der leichten Schneeschicht in meinem Garten ein paar Schneeglöckchen. Auch wenn ich noch neu hier bin: ich nehme sie mal als einen Hinweis dafür, dass es auch hier einen Frühling gibt!

Der Frühling ist für uns als Kirchgemeinde sehr aprilhaft! Da wechseln die Extreme: nicht zwischen Schnee, Sonne und Regen, sondern zwischen schmerzhaftem Leid und jubelnder Freude, zwischen der Passionszeit und dem Osterfest.

Zur Zeit begehen wir in unseren Gottesdiensten die Passionszeit (also die „Leidenszeit“): Von tiefem Leid hören wir nicht nur täglich in den Nachrichten. Es ist ein schwerer Teil eines jeden Lebens, manchmal auch schwerer, als wir nach außen zeigen. Das heißt leider nicht, dass wir Menschen damit besonders gut umgehen könnten. Leid bereitet Schmerzen, es kostet Kraft und macht unsicher.

Natürlich versuchen wir Leid zu lindern, aber wie oft haben wir Menschen einfach nur das Bedürfnis uns davor zu schützen, unsere Augen davor zu verschließen, es weg zu schieben, klein zu reden oder wir fressen es still in uns hinein.

Die Passionszeit bietet die Chance, dass wir uns dem Leid stellen! Nicht weil wir Wasser auf die Mühlen der Pessimisten gießen wollen, sondern weil Gott uns zeigt: Wir Menschen müssen es nicht alleine durchstehen und aus der Welt schaffen! Wenn wir das Leben von Jesus anschauen, sehen wir: Gott geht im Leid nicht auf Abstand! Er ist keineswegs fern im Himmel geblieben, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen. In Jesus Christus ist Gott selbst mitten in das Elend der Welt gekommen, hat mit Menschen geweint und geklagt, hat getröstet und Leid gelindert. Schließlich hat er sogar einen einsamen, grausamen Verbrechertod am Kreuz auf sich genommen. Aber Leid und Tod haben nicht Gott besiegt. Vielmehr hat er den Tod und alles Leid überwunden, wie wir mit der Auferstehung Jesu zu Ostern feiern. Und dieser Jesus sagt von sich: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt. (Mt 28,20).

Vielleicht fällt es Ihnen genauso schwer das zu glauben wie dem Verkäufer, mit dem ich gestern über Gott und die Welt ins Gespräch kam. Wahrscheinlich beginnt deshalb Jesus diesen Zuspruch mit „Siehe“ – „Schau genau hin!“ Fällt es uns Menschen vielleicht sogar schwerer Gott zu sehen, wenn wir die Augen vor dem Leid verschließen? Ich bin überzeugt: Gottes Nähe lässt sich nicht nur in der Freude von Ostern, sondern auch im Leid unseres Lebens finden. Er macht sich bemerkbar, oftmals auch schon in scheinbar kleinen Dingen wie einem anteilnehmenden Gespräch, einem schlichten Gebet oder einer Liedstrophe im Gottesdienst. Ebenso wie sich der Frühling durch die kleinen Schneeglöckchen bemerkbar macht.

Ihr Pfarrer Philipp-Immanuel Albert